"12 hodin na kole" in Janov nad Nisou, Isergebirge

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Irgendwann zu Beginn des Jahres - der Schnee war im Erzgebirge noch nicht weggeschmolzen - kam der Lutz mit seiner Jahresplan-Excel-Tabelle auf mich zu, in welcher diverse Radveranstaltungen eingetragen waren, die auf seiner Wunschliste standen. Darunter auch diese Radveranstaltung, die er irgendwo bei seiner Suche nach schönen Radveranstaltungen im liebgewordenen Nachbarland im Internet ausfindig gemacht hat.

Worum es geht: Zwölf Stunden Zeit, um auf einer Runde von 10,8 Kilometer, oder wahlweise 20,3 Kilometer, fein im Kreis Kilometer zu sammeln. Und natürlich auch Höhenmeter: immerhin 210 auf der kleinen und 410 auf der großen Runde. Sieger der drei Kategorien (Männer unter bzw. über 40 Jahre und Frauen) wird, wer in den zwölf Stunden die meisten Kilometer gefahren ist. Bei gleicher Kilometerzahl ist besser, wer es in der kürzeren Zeit geschafft hat. Ganz einfach!

Der Schnee im Erzgebirge ist nun schon lange weg. Drei Picardellics haben sich aufgemacht: Der Lutz, der Martin. Und ich, nun das erste Mal im blau-weißen Vereinstrikot. Die Lust auf Radfahren hielt sich auch am Morgen des Rennens irgendwie in Grenzen. Lutz hatte Bedenken, ob sich seine Knie vom vergangenen Wochenende erholt hatten, Martin war noch völlig von Arbeit umgeben und ich konnte mir noch nicht vorstellen, wie es ist, zwölf Stunden lang immer die gleiche Runde  zu drehen.

Jeder von uns hatte sich vorab gedanklich ein wenig mit der Veranstaltung beschäftigt und uns war Folgendes klar. Anders als bei üblichen Fahrradrennen gilt hier: Ganz egal, wie schnell man fährt, man ist nicht eher im Ziel. Trotzdem darf keine Zeit verbummelt werden, weshalb alle Vorbereitungen darauf zielten, die Pausenzeiten zu minimieren. Dazu gehörten ein Rucksack mit Wechselsachen im "Ziel"-Bereich und ein Knoten auf meinem Bauch: Die Vereinshosen sind mit ihren Trägern, so hatte ich von Sandra und Angela gelernt, für Damen wenig geeignet, um schnell Geschäfte zu erledigen. Also werden die Träger vor dem Bauch zu einem doppelten Knoten festgezurrt, denn rutschen soll das gute Stück unterwegs ja auch nicht.

Der Start
8 Uhr, 8 °C, wolkig. Ein Pulk von etwa  50 Männern und nicht einmal 10 Frauen beginnt die erste Runde, nachdem in feierlicher Zeremonie zunächst drei Luftballons zerstochen und ein echter Startschuss abgegeben wurde. Wir drei standen gelassen ganz hinten am Start. Kaum eine Minute gefahren, war der Martin aber schon aus unseren Augen. Lutz hat dann in der zweiten Runde auch Hummeln bekommen (gut so!), so dass jeder von uns sein Ding gemacht hat. Ich dachte, dass man sich auf so einer kleinen Runde sicher öfter mal trifft und habe ausgerechnet, dass der Martin, wenn er vorn mitfährt mindestens drei mal an mir vorbei fahren wird. Man sieht sich also bald wieder.

Wenn Berge wachsen
Zum Rechnen hat man im Übrigen wunderbar viel Zeit bei solcher Rundendreherei. Man darf nur nicht den Fehler machen und mit der Durchgangszeit der ersten Runden Prognosen anstellen. Dann hat man nämlich vernachlässigt, dass entgegen sämtlicher Vorstellungen von Plattentektonik, Berge nicht nur in geologischen Zeiträumen wachsen. In der ersten Runde dachte ich noch: Au fein, so steil ist’s doch hier gar nicht. Das sieht alles locker aus. Mit 18 km/h den Anstieg bewältigt, ohne große Anstrengung. Dann kann’s ja jetzt langsam losgehen. Die Schlaglöcher wurden auch in der ersten Abfahrt ausfindig gemacht. Nur Martin meinte hinterher, er hätte auch später am Tage immer noch die großen Eier im Asphalt gesammelt. Aber Martin sollte sowieso seine eigenen Kriterien bei diesem Rennen aufstellen.

In Runde neun kam von hinten ein netter Zuruf von Martin. Wurde ja auch Zeit, dass der Spitzentrupp an mir vorbei zog. Und was ich sah, hat mich sehr froh gestimmt: der Martin allen anderen vornweg, sich umblickend, wo sie denn nur bleiben würden. Dem ging’s also prima! Mal schauen, wann dann der Lutz von hinten kommt.

Runde Elf
Es ist nach zwölf Uhr. Der Tag schon halb vorbei, aber die Rennzeit erst zu einem Drittel. Inzwischen sind aus den 18 km/h am Anstieg 16, 15, 14 km/h geworden. Ich hatte mir eisern vorgenommen, erst nach vier bzw. acht Stunden jeweils ein Ritzel höher zu schalten. In der elften Runde, also irgendwann nach 13 Uhr, hatte ich irgendwie keine Lust mehr, habe die Beine in der Abfahrt immer mal hoch genommen. Aber wenigstens der Ehrgeiz, dafür möglichst wenig in den Kurven zu bremsen, ist geblieben. Irgendwann kennt man ja dann jeden Winkel der Strecke. 120 Kilometer standen schon auf dem Tacho, aber die Zeit war noch nicht einmal zur Hälfte vorbei. Alle mutigen Prognosen der optimal möglichen Rundenzahl wurden nach unten korrigiert. Wenigstens zwanzig sollten es werden.

Irgendwann nach Runde Elf
Pause nach Runde 13. Ich stopfe Kolačky und Bananenhälften in mich. Tausche leere mit gefüllten Müsliriegelverpackungen und fülle die Trinkflasche, als Lutz vorbeiradelt. Wir fahren nun zusammen weiter. Irgendwie auch schön, das altbekannte Hinterrad mal wieder vor sich zu haben, es wegziehen zu sehen und wieder heranzufahren. Lutz ist auch irgendwie müde. Sein Berg ist auch gewachsen. Im oberen Teil des Anstieges entdecke ich, wie zwischen Bowdenzug und Lenkerquerstange eine kleine Spinne anfängt, Fäden zu einem Netz zu ziehen. Na fein - so weit ist’s nun also schon. Aber, man glaubt es kaum, Spinnen sind schlau: schon vor der ungemütlichen Abfahrt hat sie Leine gezogen.

Die letzten acht Runden
Ich hatte mir inzwischen einen guten Rhythmus angewöhnt: aller 4 Runden (44 km) eine Pause mit Kolačky (soviel wie in den Bauch geht), Flaschen füllen usw. Lutz hat nach sechs gemeinsamen Runden auch endlich wieder Lust zum Schnellfahren bekommen. Die stündlich ausgehängten Zwischenergebnisse hatten wir in irgendeiner Pause auch mal entdeckt. Demnach wurde ich zwischenzeitlich ganz vorn, knapp vor zwei anderen Frauen geführt. Das motiviert natürlich! Von Martin keine Spur, aber Platz 10 auf der Ergebnisliste.

16 Uhr. Das letzte Drittel bricht an, die erste Zahl auf der Kilometeranzeige kippt bald zur Zwei um. Und mir geht’s gut. Der Berg hat aufgehört zu wachsen. Ich komme tatsächlich immer wieder oben an. Nichts tut weh. Lediglich die Kraft ist begrenzt. Der Sauerstoff im Gehirn ist wahrscheinlich nicht mehr reichlich vorhanden, denn alle Versuche, mit weiteren Berechnungen über Rundenzahlen Prognosen abzugeben, führen ins Gedankenlose. Nur noch Fahren, treten, immer wieder die gleiche Runde, ohne dass es langweilt. Weil die Dinge am Wegesrand sich wandeln: Der am Zaun seines Grundstückes werkelnde Mann begutachtet nun sein Tageswerk. Der große Jeep ist endlich fertig poliert. Immer wieder werden schnaufende Männer überholt. Immer wieder rasen die schnellsten der Männer an mir vorbei. Von Martin wieder keine Spur.

Ich genieße die letzten zwei Runden ganz besonders. Die vorletzte, weil jeder Meter, den ich hinter mir lasse dann nur noch einmal von mir durchfahren werden wird und weil ich weiß, dass ich das dann auch noch einmal schaffe. Die letzte Runde genieße ich, weil sie die Abschiedsrunde wird: Noch einmal ein Blick auf den Ještěd, der sich ab Runde 9 zwischen den auflockernden Wolken im Westen von seiner imposantesten Seite zeigte. Nun schon im orangenen Abendlicht. Die Runde ist leer geworden. Auch die Tagestouristen auf Mountainbikes, die sich manchmal mit mir am Anstieg messen wollten, sind heimgekehrt. Ein Reh springt über die Straße.

Im Ziel und danach
Ich komme ins Ziel gefahren. Lutz steht schon da und nimmt mich gleich in die Arme, um mir zu eröffnen, dass die beiden mit vorn geführten Frauen gerade eine Minute vor mir ins Ziel gerollt seien. Also Platz drei. Schade - so knapp: 12 Stunden - eine Minute. Erst jetzt merke ich, wie kaputt ich bin. Es wird sofort kalt. Martin kommt auch endlich. Er war also nicht verloren gegangen.

Eine dreiviertel Stunde haben wir noch bis zur Siegerehrung. Duschen, Umziehen und irgendwie die Beine überreden, noch bis zur Turnhalle zu stapfen. Ich könnte umfallen und schlafen. Die beiden Männer sind auch knülle.

Nach einigem Warten geht’s dann los mit der Siegerehrung. Für Platz 3 hatte ich mir von Martin auch noch ein Langarmtrikot Größe M drüber gezogen. Die Ehrung in den drei Kategorien beginnt mit der Damenwertung. Die beiden vor mir ins Ziel gekommenen werden aufgerufen. Was dazu gesagt wird, verstehen wir zu später Stunde nicht mehr. Sie werden auf jeden Fall gemeinsam platziert, weil die Hand in Hand ins Ziel gefahren sind. Wir wundern uns nur darüber, dass sie dann auf Platz zwei gesetzt werden und Platz eins frei bleibt. Dann werde ich aufgerufen. Ich bin froh, dass ich nur eine der großen Stufen nach oben steigen muss. Aber das Publikum und die Jury beginnen mir etwas zuzurufen, was ich nicht verstehe, bis mir auf Englisch beigebracht wird, dass ich doch ganz hoch gehen muss. Eeh? Alles was jetzt folgt, habe ich nicht recht behalten: Händeschütteln, Dinge in die Hand gedrückt bekommen, Applaus, Jubelrufe. Dann muss ich wohl doch eine Runde mehr gefahren sein, als das flotte Damenduo.

Geehrt wurde im Übrigen auch der Radfahrer, der im physikalischen Sinne die meiste Arbeit verrichtet hatte. Also Arbeit = gefahrene Höhenmeter * Gewicht des Fahrers mit Rad * Erdbeschleunigung.

Geehrt wurde leider nicht, wer am längsten, ohne auf die Verpflegung im Zielbereich zurückzugreifen, gefahren ist. Denn da wäre Martin allererste Spitze gewesen. Halb sechs meinte er, doch mal nachschauen zu müssen, ob es nicht doch etwas zu essen gäbe. Neuneinhalb Stunden nach Start. Bis dahin, so erzählt er uns hinterher, hat er sich von drei Müsliriegeln aus der Trikottasche ernährt und eine Quelle am Wegesrand genutzt. Mensch Majer! Die halbe Stunde, die er wegen Kräftemangel auf einer Wiese liegend verbacht hatte, fehlten ganz sicher um auch aufs Treppchen zu steigen. Der Verpflegungsstand mit den Leckereien war fünf Meter abseits der Straße gelegen. Nur aus dem Anblick glücklich mampfender Rennradler konnte geschlussfolgert werden, dass es hier etwas zu holen gab.

Und der Lutz. Die Knie haben mächtig gezwickt. Aber er ist zwölf Stunden durchgefahren, hat viel Spaß gehabt, die Landschaft genossen und ist mit dem Teamresultat überaus zufrieden. Und vor allem seine Lehren haben mir so viel geholfen. Denn bei einem solchen Zwölfstundenrennen ist’s vor allem auch der Kopf, der mitspielen muss.

Technisches
Die Ergebnisse der Männer, die wir in unserer Müdigkeit abends nicht mehr erfragen konnten sowie auch die Anzahl der Teilnehmer, sind demnächst unter http://12hod.mestojablonec.cz abzufragen.

anne

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