08.09.2007 Radrennen „Král Šumavy“

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Anne L.
Motivation

Vergangenes Jahr im September stand dieser Radmarathon, genannt die „Hölle des Ostens“, auch schon auf unserem Programm und es war klar, dass wir dieses Jahr wieder antreten würden. Von den drei Streckenlängen haben wir uns – logisch – wieder für die lange 250-Kilometer-Runde entschieden. Lutz immer mit dem Vorbehalt in die kürzeren Runden (200 km, 150 km) einzubiegen, falls die Knie Probleme machen sollten. Annes Motivation bestand darin, das Optimum aus Spaß beim Radeln und trotzdem schnell fahren zu finden. Aus der Starterliste ging hervor, dass von 250 gemeldeten Langstreckenradlern lediglich 5 Frauen waren. Darunter auch Hanna Ebertova, die dreimalige Siegerin dieses Rennens und erfolgreiche Glocknerman-, Round the Czech Republic-Absolventin, mit der wir nun dank wachsender Tschechisch-Kenntnisse auch ein wenig schwatzen können.

Start
Diesmal war die Kleiderordnung klar: bei 8 °C bis 12 °C und andauerndem Nieselregen, hat man schnell die lange Garnitur ausgekramt. Man braucht dann nicht einmal unterwegs Zeit durch An- und Auszieherei zu verschwenden. Damit alles gut klappt, kam auch das Super-Isogetränkekonzentrat, welches ich in Janov gewonnen hatte, zum ersten Einsatz in die Trinkflaschen.
 
Los geht’s, wie immer 6:30 in der Dämmerung mit einem tief dröhnenden Höllensong und zweimaligem Kanonendonner. Da wir recht weit hinten am Start standen, war Annes Devise erst mal Jagen. Soweit man das als geruhsamer Langstreckenradler aushält. Lutz geht es sanfter an.

Unterwegs
Die Strecke war – mit leichten Änderungen – von letztem Jahr bekannt. Im Prinzip ganz einfach: Immer munter, rauf und runter. Dabei ein paar Holperpflasterpassagen eingestreut, bei denen ich normalerweise hinterher erst mal nachschauen würde, ob mein Fahrrad oder ich nicht was verloren haben. Härtetest für Fahrer und Material! Die Abfahrt, in der die Knochen vergangenes Jahr 6 aus 49 spielen mussten, kam mir hingegen nicht mehr so schlimm vor – vielleicht liegt’s am morgendlichen Jogaprogramm, dass das Gebein inzwischen besser an den Sehen hält. Gewarnt von der Erfahrung gehe ich einige Abfahrten auch vorsichtiger an, da in den Kurven immer mal plötzlich Sand auftauchen kann. Es war wohl aber im letzten Jahr mal jemand mit dem Besen unterwegs... Andererseits sind die Straßen nass vom Nieselregen. Einen Sturz habe ich gesehen. Die Platten-Pannen am Straßenrand verteilten sich gleichmäßig vom Start bis kurz vors Ziel.

Mein erster Schreck kam mit dem ersten Schluck aus der Trinkflasche: Ägsssss - so’n dickes Zeuch! Die folgende Nachberechnung des Mischungsverhältnisses Isokonzentrat : Wasser ergab eine zweifache Überdosierung. Also, Plan B: erst Labe wird doch angesteuert – Wasser nachfüllen. Ein Vorteil der Sache ging mir auch durch den Kopf: Ich bräuchte eigentlich immer nur den Flascheninhalt von Labe zu Labe runterverdünnen und hätte trotzdem noch genug L-Carnitin für eine prima Fettverbrennung. Klasse! Netterweise haben mit die tapferen Versorgungseinheiten an den Laben trotzdem öfter Iso nachgefüllt. Obwohl voda, Wasser heißt. Oder?!? Hauptsache der Lutz übersteht das auch. Ach ja, die Labestellen: Aller 50 km Gelegenheit neben Bananen, belegten Hörnchen, Apfelsinen, Rosinen auch wieder die berühmten Wurstscheiben, Schmalzstullen, Quarktaschen, Pfefferkuchen aufzunehmen. Den Rum habe ich stehen gelassen. Andere nicht.

Die Pfefferkuchen, so meinte Lutz berechtigterweise nach dem Rennen, haben wunderbar zum Nieselregen gepasst. Als wir uns nach dem Rennen getroffen hatten, mussten wir beide zu allererst unsere Freude über das Wetter teilen. Na da haben sich Zwei gefunden: Aber ist es nicht wunderbar zehn Stunden durch Nieselregen, Nebel im Wald zu fahren? Einsam waren wir sowieso die meiste Zeit des „Rennens“ und hatten somit Muse am langen Anstieg zum Dach des Böhmerwaldes, das Aufschlagen der Tropfen aufs Buchenlaub zu erhaschen. Flügelschlag eilender Singvögel. Spechtklopfen. Ein Bächlein rauscht. Dann oben, doch ein weiterer Blick über die Hochebene und bald wieder das Rauschen des Fahrtwindes und das Aufschlagen der Kette. Ab und zu hole ich noch jemanden ein.

Frauen habe ich noch keine gesehen. Will ich eigentlich auch nicht in dem Moment, denn dann müsste ich mich anstrengen, weil das Ehrgeizteufelchen davon munter wird. Eine taucht dann doch vor mir auf. Die war aber schnell überholt und wurde nicht mehr gesehen. Eine weitere, schon bekannte vom letzten Jahr (Lucie) stand dann an einer Labe, so dass ich die Flasche-voll-Quarktasche-im-Mund-und-noch-eine-ins-Trikot-Routine durchführte und noch vor ihr wieder auf dem Rad saß. Sie aber gleich hinterher. Och nö! Pokern. Belauern. Anne vornweg, mit cooler Mine und rundem Tritt langsamer werdend, um zu sehen, ob sie vorbeizieht. Beim nächsten Anstieg nimmt sie mir ehrliche 15 Sekunden ab. Muss aber oben eine P-Pause einlegen – und hat Trägerhosen. Die Arme. An der nächsten Labe sehe ich sie ankommen, als ich losfuhr. Dann, nach 190 und 210 Kilometern, kamen die eigentlichen zwei bösen Anstiege. Krupka kann da nicht mithalten! Dass am linken Rand des Ritzelblockes unterwegs kein neues Riesenzahnrad rauswächst, weiß ich auch noch von letztem Jahr. Ich rechne jederzeit damit, dass Lucie munter an mir vorbeizieht. Neben mir wird überwiegend geschoben – das ist die langsamere Fraktion der von mir bestaunten, später gestarteten 150ger und 200er, denen die Filetstücken der Strecke nicht erspart bleiben. Ich sehe auch Gerd Uhlenhut, den Berliner mit Jahrgang 1933, bei einem verdienten Verschnauferlie. Wir rufen uns etwas Aufmunterndes zu. Irgendwie genieße ich die Quälerei. Ist dass das Verrücktenphänomen? Lutz berichtete nach dem Rennen, er hätte andere mit Zweifachschaltung und 23er Ritzel gesehen, die sich dort hinaufgehievt hätten. Die letzte Labe. Dann geht es eigentlich nur noch 30 Kilometer bergab. Damit wir ihn nicht vergessen, setzt der Nieselregen dazu noch mal etwas kräftiger ein, nachdem an einigen Stellen der Asphalt schon trocknen wollte. Nicht doch! Ach, und Gegenwind hatten wir ja bis jetzt noch gar nicht wirklich. Also gibt’s davon auch noch ein wenig, als es dann flacher wurde. Ich habe immer noch Lucie im Kopf, die jederzeit mit einem schnellen Männertross vorbeigesaust kommen könnte. Passiert aber nicht. Fünf Kilometer vor Ziel steigt die Gewissheit. Ich genieße die letzten Kilometer – bin aber auch froh, am Ziel zu sein.

Am Ziel
Lutz ist nicht im Zielbereich. Also ist er sicher die lange Strecke gefahren. Ich tausche den Transponder gegen Gulasch ein und schenke meinen Biergutschein einem 60-jährigen Tschechen, mit dem ich ein paar Kilometer der 250er Runde geteilt hatte. Er war übrigens schneller als ich. Respekt! Dann geht’s ab ins Hotel. Lange Sachen haben den Vorteil, dass viel Hautfläche sauber bleibt. Nur der Quarantänebeutel wird dafür größer. Ich bin noch nicht mal unter der Dusche, da kommt auch Lutz. Prima! Schneller als gedacht und glücklich. Beide.

Zur Siegerehrung gehen wir dieses Mal. Ein Riesenauflauf im Kulturhaus „Druschba“. Mit Tanzprogramm und Filmchen. Ich darf dann auch neben der Hanna aufs Treppchen steigen und bin als Vorletzte eine kleine stolze Prinzessin des Böhmerwaldes. Zwei der fünf Damen sind nicht ans Ziel gekommen. Lucie sieht ein wenig geknickt aus. Ich hatte ihr noch eine halbe Stunde abgenommen.

Hanna erhält als Siegerin noch mal das Wort und spricht aus, was wir denken: sie dankt den Organisatoren und vor allem den Helden AN der Strecke. Ich möchte nicht zehn Stunden im Nieselregen STEHEN und Autos vor den Kreuzungen anhalten. Wir haben großen Respekt und mussten nicht ein einziges Mal an einer Straßenkreuzung stoppen, weil jede zu gewährende Vorfahrt von fleißigen Helfern gesichert wurde. Akkurate Zeitmessung, aktuelle Einfahrtslisten, Verpflegung an den Laben, Kamerateams, Fotografen, Anmeldung, Abmeldung – alles eingespielt und tadellos.
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